09.10.2026 · Signal Titans Editorial
Selektive Authentizität: Wie Videospiel-Entwickler als moderne Historiker agieren
Durch die Kombination historischer Forschung und Storytelling machen Videospiel-Entwickler Spieler zu aktiven Interpreten der Vergangenheit.

Im März 2020, zwei Wochen bevor Philadelphia während der COVID-19-Pandemie in den Lockdown ging, kaufte der Produzent Rigoberto Hernandez in einem örtlichen Walmart für 280 US-Dollar eine PlayStation-4-Konsole. Auf der Suche nach einer Auszeit von den aktuellen Ereignissen wandte er sich historischen Open-World-Videospielen zu, insbesondere Ubisofts langjähriger Reihe Assassin's Creed. Was als zwanglose Unterhaltung begann, entwickelte sich schnell zu einer interaktiven Erkundung der Geschichte.
Der Aufstieg der interaktiven Geschichte
Hernandez war bei weitem nicht der Einzige, der nach digitalen historischen Räumen suchte. Laut Untersuchungen des Marktforschungsunternehmens Nielsen spielte während der Pandemie-Lockdowns mehr als die Hälfte aller Amerikaner Videospiele, was den enormen kulturellen Einfluss interaktiver Medien unterstreicht. Finanziell erwirtschaftet die Videospielindustrie mehr Umsatz als die Film- und Musikindustrie zusammen. Spiele bieten eine aktive Handlungsfähigkeit und ein Worldbuilding, die passive Medien wie Film oder Buch nicht nachbilden können. Indem Spielstudios Spieler dazu einladen, sich durch simulierte Umgebungen zu bewegen, haben sie Millionen von Konsumenten effektiv in aktive Interpreten historischer Schauplätze verwandelt.
Entwickler-Historiker und der Prozess der Spurensuche
Um diese riesigen Umgebungen zu erschaffen, nutzen Spielstudios ein Verfahren, das der traditionellen historischen Methodik erstaunlich ähnlich ist. Der Historiker Adam Chapman, Autor des Buches Digital Games As History, stellt fest, dass Spieleentwickler als „Entwickler-Historiker“ fungieren, da sie unvollständige Belege interpretieren und subjektive Entscheidungen treffen müssen, um Lücken in den historischen Aufzeichnungen zu schließen. Dieser Ansatz spiegelt die Anfänge der geschriebenen Geschichtsschreibung selbst wider: Im fünften Jahrhundert v. Chr. verfasste Herodot von Halikarnassos seine Historien, um den Ursachen vergangener Ereignisse auf den Grund zu gehen, anstatt lediglich Fakten aufzulisten. Als Ubisoft im Jahr 2007 Assassin's Creed auf den Markt brachte – eine Reihe, die inzwischen 12 Hauptteile in verschiedenen Epochen umfasst –, spiegelte der Designprozess diesen antiken Untersuchungsgeist wider, indem narrative Brücken über fehlende historische Daten geschlagen wurden.
Detailverliebtheit und selektive Authentizität
Um das Interesse der Spieler aufrechtzuerhalten, setzen Entwickler eher auf eine extrem spezifische materielle Kultur als auf absolute faktische Präzision. Der wissenschaftliche Berater Marc-André Éthier dokumentierte, wie Ubisoft für Assassin's Creed IV: Black Flag festangestellte Historiker und akademische Experten engagierte, um kleinste Details zu klären – etwa das genaue Knopfdesign an Militärröcken oder spezifische Wandfarben in historischen Gebäuden. Die ehemalige Produzentin der Reihe, Jade Raymond, erklärte das zugrundeliegende Prinzip: Eine fantastische Geschichte in realistischen materiellen Details zu verankern, erhöht ihre Glaubwürdigkeit. Der Historiker Matthew Kapell beschreibt diesen Mechanismus als selektive Authentizität. Anstatt strikte akademische Genauigkeit durchzusetzen, priorisieren Entwickler das authentische Gefühl einer Epoche und nutzen verifizierte physische Gegenstände, um dramatische narrative Entscheidungen zu verankern.
Fiktive Rahmen für reale Wissenschaft und Geschichte
Diese Spannung zwischen faktischer Geschichte und kreativem Rahmen zeigt sich am deutlichsten, wenn Spiele echte Wissenschafts- und Medizingeschichte in fiktive Handlungsstränge integrieren. In Assassin's Creed Odyssey wird der antike Arzt Hippokrates – der von 460 bis 370 v. Chr. lebte und die klinische Beobachtung einführte, um die Medizin von religiösem Aberglauben zu trennen – an der Seite des fiktiven Kults des Kosmos dargestellt. In ähnlicher Weise versetzt Assassin's Creed Syndicate den Naturforscher Charles Darwin in das London des 19. Jahrhunderts an die Seite historischer Persönlichkeiten wie des Arztes John Elliotson im Lambeth Asylum. Dabei werden die viktorianische Phrenologie, gefährliche chirurgische Eingriffe und weit verbreitete Quacksalbermittel dargestellt, die Opium enthielten.
Durch selektive Authentizität verwandeln sich digitale Spiele in aktive historische Simulationen, die es Spielern ermöglichen, komplexen historischen Ideen in zugänglichen, immersiven Formaten zu begegnen. Indem Entwickler präzise materielle Details mit narrativem Drama verbinden, sprechen sie ihr Publikum nicht als passive Lernende an, sondern als aktive Teilnehmende, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen.
KI-generierte redaktionelle Illustration; kein Dokumentarfoto.
Quelle: Distillations podcast Learning History with Video Games