07.10.2026 · Signal Titans Editorial
Das Silizium-Paradoxon: Wie verfeindete Rivalen eine RISC-Allianz eingingen
Unter Marktdruck und technischen Grenzen strebten die Rivalen Apple und IBM 1991 eine ungewöhnliche Allianz rund um die RISC-Chiparchitektur an.

Anfang 1991 sickerte durch, dass Apple und IBM – zwei erbitterte Konkurrenten mit völlig gegensätzlichen Unternehmenskulturen – geheime Gespräche auf höchster Ebene führten. Für Branchenbeobachter wirkte diese Annäherung absurd: IBM verkörperte den traditionellen Unternehmenskonservatismus, während sich Apple jahrelang als Gegenkultur und Antagonist zum „Großen Blauen“ inszeniert hatte. Doch hinter verschlossenen Türen standen beide Technologiegiganten vor derselben Realität. Wie aus historischen Berichten von Jimmy Maher hervorgeht, zwangen gravierende technische Engpässe sowie die erdrückende Marktdynamik von Microsoft die einstigen Gegner dazu, nach Gemeinsamkeiten rund um Reduced Instruction Set Computing (RISC) zu suchen.
Eine unwahrscheinliche Annäherung
Als IBM im August 1981 den IBM PC auf den Markt brachte, entschied sich das Unternehmen, das Betriebssystem von Microsoft zu lizenzieren, anstatt die Software intern zu entwickeln. Diese Lizenzvereinbarung ermöglichte es Microsoft unbeabsichtigt, MS-DOS auch an konkurrierende Hersteller zu lizenzieren, was den Grundstein für einen breiten Industriestandard legte. Bis 1990 hielt Apples Macintosh-Plattform einen bescheidenen Marktanteil von 5 bis 10 Prozent, was etwa 3,5 Millionen Geräten in den Haushalten entsprach. Obwohl Apple profitabel war und von einer treuen Nutzerschaft unterstützt wurde, fehlte dem Unternehmen die nötige Skalierung, um den Vormarsch der aufstrebenden Wintel-Plattform zu stoppen.
Der Verlust des PC-Standards
Auch IBMs Kontrolle über die Hardware entglitt dem Konzern zunehmend. Nachbauer hatten den ursprünglichen PC mithilfe dokumentierter Standardkomponenten rasch dupliziert. Ein entscheidender Wendepunkt folgte 1986, als der aufstrebende Hersteller Compaq IBM zuvorkam und einen PC-Klon auf Basis von Intels 80386-Prozessor veröffentlichte. Um die eigene Dominanz zurückzuerlangen, stellte IBM 1987 die PS/2-Modellreihe mit einer neuen, patentgeschützten proprietären Bus-Architektur vor. Die Strategie schlug jedoch fehl: Anstatt IBMs geschlossene Architektur zu übernehmen, gründeten die Klon-Hersteller Kommitees für offene Standards. IBM verlor damit die Kontrolle über die von ihm selbst geschaffene Plattform.
Software-Engpässe bei Apple
Unterdessen kämpfte Apple mit eigenen technischen Grenzen. Das Macintosh-Betriebssystem war ursprünglich für frühe Hardware mit nur 128 Kilobyte Arbeitsspeicher und ohne Festplatte konzipiert worden. Dadurch ließen sich moderne Funktionen wie Speicherschutz und echtes Multitasking kaum nachrüsten, ohne bestehende Software zu beschädigen. Eine Modernisierung setzte voraus, dass die Abwärtskompatibilität für die Mac-Software der vergangenen sieben Jahre gewahrt blieb. Apples große Software-Überarbeitung, System 7, erschien schließlich im Mai 1991 – zwei Jahre später als ursprünglich angekündigt. Doch selbst nach Veröffentlichung hinkte das Betriebssystem der Konkurrenz bei grundlegenden Speicherverwaltungsfunktionen hinterher.
Der Engpass bei den Prozessoren
Eine noch größere Bedrohung für Apple stellte ein gravierender Hardware-Engpass dar. Der Macintosh setzte auf die 68000-Mikroprozessoren von Motorola, doch Motorola hatte Mühe, mit der Chipproduktion von Intel Schritt zu halten. Intel brachte 1989 den leistungsstarken 80486-Prozessor heraus, worauf Motorola zunächst keine direkte Antwort hatte. Motorolas Konkurrenzchip 68040 erschien erst über ein Jahr nach dem 80486 und litt unter Hitzeproblemen sowie hoher Leistungsaufnahme. Als Motorola erwog, die 68000-Prozessorreihe vollständig einzustellen, warb das Unternehmen bei Apple für seinen 88000-RISC-Prozessor als alternativen Ausweg.
Angetrieben von Hardware-Beschränkungen und der Dominanz von Microsoft gestaltete diese ungewöhnliche Partnerschaft die Personal-Computing-Hardware rund um RISC-Architekturen neu. Dieser Wendepunkt zeigte, wie technische Engpässe bei Silizium und Software selbst erbitterte Konkurrenten dazu bewegen können, proprietäre Hardwarestrategien aufzugeben und auf alternative Mikroprozessor-Designs zu setzen.
KI-generierte redaktionelle Illustration; kein Dokumentarfoto.
Quelle: The Deal of the Century (or, The Alliance of Losers) + = ?