08.10.2026 · Signal Titans Editorial
Pascal, Plug-ins und 128.000 Zeilen Code: Die interne Architektur von Photoshop 1.0
Wie Thomas und John Knoll Photoshop 1.0 mit sauberem Pascal, Assemblercode und Virtuellem-Speicher-Abstraktionen für riesige Digitalbilder entwickelten.

Im Jahr 1987 schrieb Thomas Knoll, ein Doktorand für Computer Vision an der University of Michigan, eine bescheidene Macintosh-Anwendung namens Display, um digitale Bilder auf seinem Bildschirm darzustellen. Was als persönliches Projekt begann, erregte bald die Aufmerksamkeit seines Bruders John Knoll, der bei der Spezialeffekt-Firma Industrial Light & Magic arbeitete. John erkannte sofort das praktische Potenzial der Software für die Fotobearbeitung und verwandelte das persönliche Nebenprojekt in ein Ingenieurunterfangen, das die visuellen Medien grundlegend verändern sollte.

Vom persönlichen Werkzeug zur kommerziellen Software
Als die Brüder im Sommer 1988 das kommerzielle Potenzial des Werkzeugs erkannten, benannten sie die Software in Photoshop um und machten sich auf die Suche nach Vertriebspartnern. Eine frühe Version 0.87 erlebte eine begrenzte Veröffentlichung, als der Diascanner-Hersteller Barneyscan etwa 200 Exemplare unter dem Namen Barneyscan XP beilegte. Die Entwicklung von Photoshop nahm eine entscheidende Wende, als sich Adobe-Art-Director Russell Brown für die Software einsetzte, woraufhin Adobe im April 1989 eine Vertriebslizenz erwarb. Die Version 1.0 von Photoshop wurde Anfang 1990 offiziell an kommerzielle Anwender ausgeliefert.
Die Architektur einer Ein-Mann-Engine
Trotz des ehrgeizigen Umfangs wurde die Version 1.0 von einem außergewöhnlich kleinen Entwicklerteam aufgebaut. Thomas Knoll fungierte als einziger Ingenieur für die Codebasis der Kernanwendung, während John Knoll viele der zugrunde liegenden Bildverarbeitungs-Plug-ins der Anwendung entwickelte. Eine Analyse der Codebasis der Version 1.0.1 offenbart ein kompaktes System, das sich auf 179 Dateien mit rund 128.000 Zeilen Code verteilt. Gemessen an der Anzahl der Zeilen wurden etwa 75 Prozent der Anwendung in Pascal geschrieben, während 15 Prozent in Motorola-68000-Assemblersprache implementiert wurden, um leistungskritische Berechnungen auf der Hardware damaliger Personal Computer zu optimieren.
Virtueller Speicher und saubere Abstraktion
Um große Grafikdateien auf den Desktop-Rechnern der späten 1980er-Jahre zu verarbeiten, musste die Anwendung erhebliche Hardware-Einschränkungen überwinden. Die Software enthielt explizite Abstraktionen für virtuellen Speicher, die es ihr ermöglichten, Bilddaten zu verarbeiten, die weit größer waren als der Hauptspeicher oder die Anzeige-Puffer fassen konnten. Die Codebasis organisierte Bildmanipulationen über gekachelte Datenstrukturen und Filter-Abstraktionen, wodurch die Logik der Benutzeroberfläche sauber von den Algorithmen der Pixelverarbeitung getrennt wurde. Obwohl die Version 1.0 bereits ausgereifte Auswahlwerkzeuge und Datei-Importer enthielt, fehlte noch die Unterstützung für mehrere Bildebenen – eine architektonische Erweiterung, die erst 1994 mit der Version 3 eingeführt wurde.
Ein dauerhaftes Fundament für die digitale Bildverarbeitung
In den ersten zehn Jahren verkaufte sich Photoshop weltweit mehr als 3 Millionen Mal. Die schlanke Architektur, die von einem einzelnen Hauptentwickler und seinem Bruder geschaffen wurde, erwies sich als bemerkenswert anpassungsfähig. Sie legte den Grundstein für das moderne Visual Computing und sicherte der Software schließlich ihren festen Platz im englischen Wörterbuch als Standardverb.
Titelbild: KI-generierte Illustration; kein Dokumentarfoto.
Quelle: Adobe Photoshop Source Code