30.09.2026 · Signal Titans Editorial
Omar M. Yaghis Suche nach Struktur
Von molekularen Formen bis zum lauten Lesen von Fachartikeln: Omar M. Yaghi machte Struktur und Klarheit zum Kern seiner Forschung.

Lange bevor Omar M. Yaghi die retikuläre Chemie begründete, eröffneten ihm Zeichnungen von Molekülen eine faszinierende Welt der Ordnung. Wie Nobel Prize Conversations berichtet, wuchs er in Amman in Jordanien auf, nachdem seine Familie aus Palästina vertrieben worden war. Sein Alltag war von Unsicherheit und knappen Mitteln geprägt. Seine erste prägende Begegnung mit der Chemie fand nicht bei einem Experiment statt, sondern angesichts rätselhafter Formen in einem Buch aus der Schulbibliothek.
Yaghis Geschichte verbindet zwei Arten von Struktur. Die eine ist materiell: die Anordnung von Atomen und die Schönheit, die darin liegt, ihre Verbindungen zu verstehen. Die andere ist gedanklich: die geduldige Arbeit, aus einem vielversprechenden Ergebnis eine Argumentation zu formen, die Fachkollegen prüfen, diskutieren und nachvollziehen können.
Formen in einer Bibliothek
Yaghi erinnert sich, wie er im Alter von ungefähr zehn Jahren außerhalb der Öffnungszeiten in die Schulbibliothek ging, wahllos ein Buch auswählte und von den darin abgebildeten Molekülstrukturen gefesselt war. Zunächst wusste er nicht, was die Zeichnungen darstellten. Später deutete er ihre Symmetrie und scheinbare Gewissheit als Gegenbild zur Unordnung seiner Umgebung und als Ausgangspunkt seiner Suche nach Struktur.
Diese Kindheitserinnerung ist keine einfache Erfolgsformel, sondern Yaghis persönliche Rückschau. Ihre Bedeutung liegt in seiner eigenen Deutung: Die Formen machten etwas Beständiges sichtbar. In der Röntgenkristallografie fand er später eine wissenschaftlich präzise Methode, um zu bestimmen, wie Atome miteinander verbunden sind.
Wenn eine Entdeckung zum gemeinsamen Argument wird
Aus der einsamen Faszination jener ersten Begegnung folgte für Yaghi kein Verständnis von Wissenschaft als Einzelarbeit. Er betont den offenen Austausch über Institutionen und Grenzen hinweg. Ehrliche Gespräche zwischen Forschenden sind für ihn wesentlich für wissenschaftliche Strenge und Kreativität. Erkenntnisse gewinnen an Substanz, wenn Wissenschaftler ihre Arbeit vorstellen, einander befragen und bisherige Annahmen überarbeiten können.
Wie konkret dieses Prinzip ist, zeigt die Schreibpraxis seiner Forschungsgruppe. Nachdem ein Fachartikel zahlreiche Überarbeitungen durchlaufen hat, setzen sich alle Mitautoren zusammen und lesen ihn vollständig laut vor. Jedes Wort und jeder Satz darf infrage gestellt werden. Dabei geht es sowohl um sprachliche Präzision als auch um die grundlegendere Frage, ob der Text den entscheidenden Gedanken vermittelt, auf dem die Arbeit beruht.
Bleibt dieser Gedanke schwer greifbar, bittet Yaghi den Studenten, der die Entdeckung gemacht hat, sich an den Moment zu erinnern, in dem das Ergebnis erstmals wirklich bedeutsam erschien. Häufig tritt dadurch die Kernaussage des Artikels hervor. Dieses Vorgehen ersetzt keine Belege. Es hilft den Forschenden vielmehr zu erklären, weshalb ihre Ergebnisse relevant sind.
Neugier, geschärft durch Klarheit
Aus Yaghis Weg lässt sich eine redaktionelle Einsicht ableiten, keine allgemeingültige Vorschrift. Neugier kann im Privaten beginnen, sogar mit einem Bild, dessen Bedeutung noch unbekannt ist. Wissenschaftliches Wissen reift jedoch durch Wiederholung, genaue Sprache und die kritische Prüfung durch andere. Staunen eröffnet einen Weg; Kommunikation macht die daraus entstehende Arbeit einer Gemeinschaft zugänglich.
Dieselbe Suche nach Struktur prägt somit die Chemie und das wissenschaftliche Handwerk, das sie begleitet. Molekulare Gerüste ordnen Materie. Sorgfältige Gespräche formen eine Entdeckung zu Wissen, das andere prüfen, hinterfragen und weiterentwickeln können.
KI-generierte redaktionelle Illustration; kein Dokumentarfoto.
Quelle: Nobel Prize Podcast