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07.10.2026 · Signal Titans Editorial

Jean Bartik lernte ENIAC ohne Programmierhandbuch. Dann half sie, die Maschine umzubauen.

Großes Schwarzweiß-Archivbild von Jean Bartik an ENIAC rechts, links technisches Raster und minimalistischer Programmierablauf.

Als Jean Jennings Bartik 1945 nach Philadelphia kam, war „Computer“ noch eine Berufsbezeichnung. Sie hatte gerade ihr Mathematikstudium abgeschlossen und arbeitete im Ballistics Research Laboratory der US-Armee, wo überwiegend Frauen mit mechanischen Tischrechnern Artillerie-Schusstafeln berechneten. Dann wurde sie für eine ungewöhnliche neue Aufgabe ausgewählt: eine elektronische Maschine namens ENIAC zu programmieren.

Es gab weder Programmiersprache noch fertiges Berufsbild

ENIAC funktionierte nicht wie ein heutiger Rechner mit im Speicher abgelegtem Programm. Für eine neue Aufgabe mussten die Programmiererinnen die Einheiten der Maschine verstehen, den Ablauf der Berechnung planen, Tausende Schalter setzen und Felder mit Kabeln verbinden. Die sechs ausgewählten Frauen — Jean Jennings Bartik, Kathleen McNulty, Betty Snyder Holberton, Marlyn Wescoff Meltzer, Frances Bilas Spence und Ruth Lichterman Teitelbaum — bekamen Schaltpläne und Zugang zur Hardware, aber keine etablierte Programmierpraxis, die sie hätten kopieren können.

Das Computer History Museum beschreibt, wie Bartik und ihr Team sich die Funktionsweise von ENIAC selbst erschlossen und zu seinen ersten Programmiererinnen wurden. Das war keine bloße Bedienung. Differentialgleichungen für ballistische Flugbahnen mussten in Abläufe übersetzt werden, die Akkumulatoren, Funktionstabellen und Steuerschaltungen ausführen konnten. Debugging konnte bedeuten, einen falschen Zahlenwert durch eine physische Konfiguration aus Kabeln und Schaltern zurückzuverfolgen.

Die öffentliche Vorführung verdeckte die schwierigste Arbeit

Als ENIAC 1946 öffentlich vorgestellt wurde, stand die Maschine im Mittelpunkt. Sie war riesig, mit Tausenden Vakuumröhren bestückt und rechnete um Größenordnungen schneller als ältere elektromechanische Systeme. Die Frauen, die das Vorführprogramm vorbereitet hatten, wurden kaum öffentlich gewürdigt. Das ENIAC Programmers Project dokumentierte später, dass sie das ballistische Programm vorbereitet hatten, mit dem die Geschwindigkeit der Maschine demonstriert wurde, der Presse aber nicht als diejenigen vorgestellt wurden, die ENIAC programmierten.

Diese Unsichtbarkeit prägte jahrzehntelang die Erzählung über frühe Computergeschichte. Hardware-Entwickler ließen sich leicht fotografieren und mit einer Maschine verbinden. Programmierung war neu, wenig verstanden und wurde oft als nachrangige Tätigkeit behandelt. Rückblickend ist klar: Eine universelle Maschine ist nur dann nützlich, wenn jemand ein Problem in eine zuverlässige Folge von Operationen übersetzen kann.

Bartik half anschließend, die Bedeutung von „Programmieren“ zu verändern

ENIACs ursprüngliche Programmierung über Steckfelder war flexibel, aber langsam neu einzurichten. 1947 arbeitete Bartik an der Umrüstung von ENIAC zu einer Stored-Program-Maschine mit. Statt große Teile des Rechners für jede Aufgabe neu zu verkabeln, konnten Anweisungen kompakter dargestellt und über die Funktionstabellen eingelesen werden. ENIAC wurde dadurch nicht identisch mit späteren Stored-Program-Computern, aber die Umstellung verkürzte die Rüstzeiten erheblich und führte das Programmieren näher an das spätere Standardmodell heran.

Bartik arbeitete danach an BINAC und UNIVAC I. Ihre Laufbahn verbindet damit zwei grundlegende Übergänge: vom menschlichen Rechnen zur elektronischen Berechnung und von direkter Hardware-Konfiguration zu gespeicherten Anweisungen.

Die tiefere Lektion heißt Abstraktion

Moderne Entwickler denken selten über Spannungspegel, Patchkabel oder den physischen Akkumulator nach, in dem eine Zahl liegt. Diese Distanz zur Hardware existiert, weil Generationen von Programmierern bessere Abstraktionen geschaffen haben. Bartiks Arbeit steht nahe am Anfang dieser Entwicklung. Sie musste fast alles verstehen, was die Maschine tat, weil die Schicht zwischen mathematischer Absicht und Hardware-Ausführung noch extrem dünn war.

Frühe Programmiererinnen lediglich als „Bedienpersonal“ großer Maschinen zu bezeichnen, verkennt ihre Arbeit. Bartik und ihre Kolleginnen entwickelten Verfahren, zerlegten Probleme, debugten Systeme und halfen sogar, die Architektur so zu verändern, dass Programmierung weniger physisch und stärker ausdrucksorientiert werden konnte. Die Werkzeuge haben sich dramatisch verändert; die Denkweise ist für heutige Software-Ingenieure sofort erkennbar.

Bartik erhielt für diese Arbeit erst viele Jahrzehnte später breite Anerkennung. Das Computer History Museum ernannte sie 2008 zum Fellow und würdigte ausdrücklich sowohl ihre ENIAC-Programmierung als auch ihre Mitwirkung an der Stored-Program-Umrüstung. Diese späte Anerkennung ist selbst Teil der Geschichte: Sie zeigt, wie lange Softwarearbeit und insbesondere die Arbeit der frühen Programmiererinnen hinter der sichtbareren Hardware zurückstand. Heute gilt ihre Arbeit als ein grundlegender Beitrag zur Geschichte des Programmierens und der frühen Softwareentwicklung weltweit.

Quellen