08.10.2026 · Signal Titans Editorial
Ein Labor im Frachtraum: Das Training der Gastwissenschaftler von Spacelab 1
Wie NASA und ESA für die Mission STS-9 Gastwissenschaftler an Bord der Columbia integrierten und neue internationale Standards im All setzten.

Drei Tage vor Weihnachten, am 22. Dezember 1977, gab die Europäische Weltraumorganisation (ESA) vier Kandidaten bekannt – Wubbo Ockels, Ulf Merbold, Franco Malerba und Claude Nicollier –, die als Nutzlastspezialisten für das Space-Shuttle-Programm der NASA ausgebildet werden sollten. Im Gegensatz zu traditionellen Berufsastronauten aus dem Militärflugwesen handelte es sich bei ihnen um Gastwissenschaftler, die speziell für die Betreuung komplexer Experimente im Orbit ausgewählt worden waren. Ihre Nominierung markierte den Beginn eines neuen Modells für die internationale Raumfahrt: Sie erweiterte den Kreis derer, die an Bord eines US-amerikanischen Raumfahrzeugs fliegen konnten, und veränderte die Art und Weise, wie wissenschaftliche Forschung in der Erdumlaufbahn betrieben wurde.

Die Einbindung der Gastwissenschaftler
Die Grundlage für diese gemeinsame Initiative entstand bereits Jahre zuvor, als Vertreter der European Space Research Organisation (ESRO) und des Auftragnehmers ERNO 1974 zu NASA-Einrichtungen in Houston und Huntsville reisten, um die physische und technische Entwicklung von Spacelab abzustimmen. Spacelab war als wiederverwendbares Labormodul konzipiert, das im Frachtraum des Shuttles platziert wurde. Nach der europäischen Kandidatenauswahl Ende 1977 benannte die NASA im Sommer 1978 mit Byron Lichtenberg und Michael Lampton zwei US-amerikanische Nutzlastspezialisten. Zusammen mit den NASA-Missionsspezialisten Owen Garriott und Robert Parker bildeten diese Gastwissenschaftler ein spezialisiertes Team, das für die Durchführung der wissenschaftlichen Experimente im All verantwortlich war.
Ein fünfjähriges weltweites Trainingsprogramm
Die Vorbereitung der internationalen Nutzlastmannschaft erforderte ein umfangreiches, mehrjähriges Trainingsprogramm auf drei Kontinenten. Die Ausbildung begann 1978 in Europa und wurde 1979 auf Universitätslaboratorien sowie Forschungseinrichtungen in den USA und Kanada ausgeweitet. Da sich der Starttermin schrittweise in Richtung 1983 verschob, verbrachten die Nutzlastspezialisten fünf Jahre damit, zwischen akademischen Zentren zu reisen, um die Bedienung und Wartung der vielfältigen wissenschaftlichen Geräte zu erlernen. Dabei wurden sie darauf geschult, Hardware direkt im Orbit zu reparieren – in enger Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Versuchsleitern, die die Projekte entwickelt hatten.
Spannungen und Durchbrüche auf der T-38
Als die Nutzlastspezialisten im Johnson Space Center in Houston eintrafen, sahen sie sich mit Vorbehalten seitens des traditionellen Astronautenkorps konfrontiert. Da diese Gastwissenschaftler keine Piloten waren und außerhalb der regulären Verwaltungsgrenzen standen, wurden sie von einigen festangestellten Mitarbeitern als Eindringlinge wahrgenommen. Den europäischen Nutzlastspezialisten wurde anfänglich der Zugang zum Fitnessstudio der Astronauten verwehrt, und sie wurden vom Flugtraining auf T-38-Jets ausgeschlossen. Laut Unterlagen der Raumfahrtbehörde begannen sich die institutionellen Spannungen zu lösen, als STS-9-Kommandant John Young den deutschen Physiker Ulf Merbold zu einem Flug im T-38-Jet einlud und ihm dabei das Steuer überließ. Diese persönliche Geste verschaffte Merbold Akzeptanz in der Flugbetriebsgemeinschaft.
Die Bewährung in der Erdumlaufbahn
Das in Europa gebaute Spacelab-Modul wurde am 5. Februar 1982 im Operations and Checkout Building des Kennedy Space Center offiziell eingeweiht. Am 28. November 1983 startete das Space Shuttle Columbia zur Mission STS-9 in den Orbit – mit Merbold, Lichtenberg, Garriott, Parker, Young und Pilot Brewster Shaw an Bord. Während des zehntägigen Flugs führte die Besatzung mehr als 70 wissenschaftliche Experimente durch, die von amerikanischen, europäischen, kanadischen und japanischen Forschungseinrichtungen beigesteuert worden waren.
Spacelab-Module kamen bis 1997 an Bord der Space-Shuttle-Flotte zum Einsatz. Die für Spacelab 1 entwickelten Betriebsprotokolle, grenzüberschreitenden Schulungen und Verfahren zum Nutzlastmanagement schufen den strukturellen Rahmen für eine langfristige internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit im All und legten den Grundstein für die spätere Integration von Besatzungen auf der Internationalen Raumstation.
Titelbild: KI-generierte Illustration; kein Dokumentarfoto.